ab-server.de - Essstörungen

 

Hunger-Sucht


Magersüchtige, mit ihrer Angst vor Normalgewicht, halten ihr Hungergefühl konstant, um das (ihnen einzig möglich scheinende) Gefühl der Kontrolle nicht zu verlieren.


Prozess

Der am häufigsten für den medizinischen Krankheitsbegriff "Anorexia nervosa" verwandte deutsche Begriff lautet "Magersucht", nicht "Hunger-Sucht". In den ab-server-Foren schreibt eine Betroffene zum Thema Hungersucht: 

"...süchtig nach Hunger oder nach mager?

ob nicht viel früher sich besser verstehen ließe, wenn nicht

MAGERSUCHT sondern HUNGERSUCHT die verbreitetste übersetzung von anorexia nervosa geworden wäre?

magersucht verleitet zu lange dazu, zu glauben, das ziel wäre, abzunehmen, magerer sein, sich also auf einen status richtet, den man vielleicht erreichen kann, auf dem man dann verharren kann, usw.

hungersucht macht klar, dass der hunger das ziel ist, der kampf, der zwang, die angst, ein prozess, der niemals aufhört ..."

Symptome


Störung des Essverhaltens

Magersüchtige haben ein intensives Interesse an allem, was mit dem Essen zusamenhängt ("Living in a Food World", Walton u. Kalucy 1975). Sie kämpfen mit ihrem Hunger und sind ständig von Nahrungs-fragen vereinnahmt. Die Motivation, zu essen, ist aber erheblich beeinrächtigt, die Patientinnen wollen abmagern und dünn bleiben.


Gewichtsverlust

Folge der Störungen des Essverhaltens ist ein starker Gewichtsverlust bis hin zur Kachexie (Auszehrung, mit tief greifender Störung aller Organfunktionen, wie bspw. bei bösartigen Tumorerkrankungen).

Nach der derzeit (nach DSM-IV, ICD-10) gängigen Unterscheidung zwischen Anorexia nervosa vom restriktiven Typ und Anorexia nervosa vom Purging-Typ bzw. bulimischen Typ, wird die Gewichtsreduktion durch exzessives Hungern oder/und durch selbst-induziertes Erbrechen bzw. Diuretika- oder Laxanzien-Missbrauch herbeigeführt.


Verleugnung des Krankheitswerts

Magersüchtige erleben ihren abgemagerten oder gar kachektischen Zustand nicht als krankhaft. Ganz im Gegenteil, die Patientinnen identifizieren sich mit ihrer skelettartigen Erscheinung und kämpfen darum, sich dieses Aussehen zu erhalten.


Gestörte Interozeption

Hunger wird, wie andere vom Körper ausgehende Reize, verleugnet oder uminterpretiert. Je mehr die Magersüchtigen hungern und an Gewicht verlieren, desto schwächer werden sie, was wiederum ihr Angst erhöht, die Kraft zur Unterdrückung der Hungerempfindungen nicht mehr aufbringen zu können.


Amenorrhö

Fast regelmäßig bleibt die Regelblutung der geschlechtsreifen Magersüchtigen aus. Eine Amenorrhö wird auch angenommen, wenn die Periodenblutung nur nach Hormongaben eintritt.


Hyperaktivität

Ausgeprägter Bewegungsdrang oder sportliche Überaktivität dienen einerseits der Gewichtsreduktion, sind andererseits ein Bewältigungs-versuch der häufig von Magersüchtigen beklagten inneren Anspan-nung und Unruhe. Auch die oft ausgeprägte Leistungsorientiertheit und die nicht selten auftretenden Verhaltenszwänge Magersüchtiger, haben diese Bewältigung innerer Spannungszustände zum eigentlichen Ziel.


Körperschemastörung

Die Überschätzung der eigenen Körperdimensionen, die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers ist ein Kern der Psychopatho-logie, der v. a. von Hilde Bruch (1973, 1980) besonders betont worden ist. Noch ist offen, ob diese Überschätzung sekundäre Folge des Hungerns und der Gewichtsabnahme oder durch psychologische Mechanismen bedingt ist.

Magersüchtige halten sich mit ihrer "Splendid Isolation" künstlich von anderen unabhängig. Diese scheinbare Selbständigkeit ist jedoch vor dem Hintergrund der sozialen Isolation Magersüchtiger zu relativieren. Die Fähigkeit Magersüchtiger zu intensivem Kontakt und emotionalem Austausch ist stark eingeschränkt.


Quelle: Köhle, K., Subic-Wrana, C., Albus, C., & Simons, C. (2003). Anorexia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 687-706). München: Urban & Fischer.


(siehe auch: "Unterschiede, Gemeinsamkeiten zwischen Magersucht und Bulimie")

Selbständigkeit

Die Magersucht lässt sich als ein Versuch auffassen, die existenzielle Verunsicherung zu meistern, die

  • die adoleszenzbedingte Veränderung des Körpers,
  • die sich ankündigende Notwendigkeit, sich zu verselbständigen,
  • sowie die sexuelle Reifung und
  • das Aufnehmen erster Partnerschaften

mit sich bringen.
Der mit diesen Veränderungen verbundene Druck, einen eigenen Entwicklungsweg zu finden, wird durch die Schaffung einer "Eigenheit in Negation" (Nahrungskarenz, Abmagerung) beantwortet - das "Nein" ist (wie im Trotzalter) ein Schritt zur Individuation. Indem das "Nein" der lebenserhaltenden Nahrung gilt, ist es zugleich ein angstvolles Ausweichen vor den Lebensaufgaben, die die Adoleszenz mit sich bringt.

Zitat: Köhle, K., Subic-Wrana, C., Albus, C., & Simons, C. (2003). Anorexia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 687-706). München: Urban & Fischer.


Wunsch

Kampf gegen den Wunsch nach Annäherung
Essen ist im Kleinkindalter mit Nähe, mit Hautkontakt, mit Zusammensein verbunden. Einerseits bestehen für Magersüchtige (unbewusste) Wünsche nach Nähe, andererseits sind damit unlustvolle bzw. angsterregende Empfindungen und Phantasien verbunden. Das magersüchtige Abgrenzungsverhalten schafft Beziehungen, in der andere etwas von den Betroffenen wollen, die Betroffenen selbst sich aber verweigern können (Boothe 1991). Haben frühkindliche Erfahrungen dazu geführt, dass echte Autonomie in sich gegenseitig anerkennender Abstimmung nicht vorstellbar ist, bleibt nur die Abgrenzung, die die Angst, fremdbestimmt, vereinnahmt, bedrängt zu werden oder die Eigenständigkeit zu verlieren, nicht aufkommen lassen soll.

Die offensichtliche und damit herausfordernde Verweigerung der Nahrungsaufnahme führt aber gleichzeitg auch dazu, dass das Interesse der Bezugspersonen aufrechterhalten wird. Die Angst, von den Bezugspersonen enttäuscht, im Stich oder ganz fallen gelassen zu werden, wirkt gegen eine echte Abgrenzung.


Quelle: Köhle, K., Subic-Wrana, C., Albus, C., & Simons, C. (2003). Anorexia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 687-706). München: Urban & Fischer.


(siehe auch: "Die Aufgaben von Hungern und Dünnsein")

Macht

Regulierung von Lebensrhythmus, Grenzen und Macht durch Essen
Essen bleibt auch im weiteren Leben überlebensnotwendig. Es bleibt weiterhin ein wesentliches Medium von Beziehungsgestaltung und Beziehungserfahrung, von Entspannung, Regression und Lust, aber auch von Konflikten - ein Regulator und Barometer für interpersonelle und intrapsychische Prozesse auf verschiedenen Ebenen. Ob regelmäßig oder unregelmäßig gegessen wird, wer zu welcher Mahlzeit anwesend ist, ob zu bestimmten Zeiten bestimmtes gegessen wird: hierdurch wird ein elementarer Rhythmus des Essverhaltens internalisiert, der die betreffenden Individuen nachhaltig prägt. Ebenso tun dies Einstellungen zum Essen: Geschmacksvorlieben, Äußerungen von Abneigung oder Ekel, ob lustvoll, ob impulsiv, ob kontrolliert oder gezwungen gegessen wird, ob beim Essen gesprochen oder geschwiegen wird, ob die Mahlzeiten friedlich verlaufen oder im Streit, ob Essen als Trost angesehen wird oder als Strafe. Durch Essen wird ein äußeres Objekt in den eigenen Körper eingeführt. Hierdurch werden körperliche und psychische Grenzen definiert. Für die Entwicklung des Gefühls für Grenzen kann entscheidend sein, wer darüber bestimmt, wann, wie oft und wie viel gegessen wird, wann und in welchem Maße die Grenze überschritten werden darf. Damit ist zugleich die Dimension der Macht und der Kontrolle angesprochen: Wer sagt, wann es genug ist, wann jemand hungrig oder satt ist, was wem schmeckt oder zu schmecken hat und warum?


Zitat aus: Reich, G. (2003). Familientherapie der Essstörungen. In M. Cierpka, A. Riehl-Emde, M. Schmidt & K. A. Schneewind (Hrsg.), Praxis der Paar- und Familientherapie  (1. Auflage) (S. 2). Göttingen: Hogrefe.


(siehe auch: Die Verschiebung von Konflikten auf das Essen)

Zeichen

Der abgemagerte Körper als Symbol für das Selbst
Hungern als Daueraktivität und der abgemagerte Körper lassen sich als ikonographischer Selbstausdruck verstehen. In einer den Betroffenen bewusst nicht zugänglichen Weise sind das Hungern und der durch das Abmagern gezeichnete Körper, Symbol für das Eigen- und Selbstsein. Würde das Hungern aufgegeben und verlöre der Körper seien Magerkeit, wäre nicht nur das Symbol, sondern auch das, was es bezeichnet - das Selbst - veloren. Diese existenzielle Dimension erklärt die "Panik" mit der Betroffene in Therapie oder in der Vorstellung auf Gewichtszunahme reagieren.

Quelle: Köhle, K., Subic-Wrana, C., Albus, C., & Simons, C. (2003). Anorexia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 687-706). München: Urban & Fischer.

»

Ich habe seit 15 Jahren Es davon überwiegend Ms und die Folgen sind nicht von der Hand zu weisen.

  • Dünne Haare
  • Osteoperose (zu 90% laut Arzt)
  • kaputte Fingernägel
  • mir ist immer kalt
  • keinen intakten Zahn mehr im Mund
  • bin schon dreimal reanimiert worden
  • schon insg. 82 Wochen in Kliniken verbracht
  • mit 26 erst eine Ausbildung (vorher alle abbrechen müssen wg. Ug)
  • keine "normalen" Freunde (außer ehem. Mitpatienten)
  • eine Familie die nicht mehr glaubt das ich gesund werde

Ich kann das zwar alles hier so auflisten, aber ich kann leider immer noch nicht sagen das ich aus der Ms raus will.

Jeder der noch nicht so lange Ms/Es ist dem kann ich nur den Rat geben:
Holt euch so schnell wie möglich professionelle Hilfe ...

anonym

»»

Ich muss sicher sein, wieviel ich esse/verbrauche, sonst bin ich so unsicher, dass ich gar nicht weiß, wie ich leben soll. Wenn ich nicht Hunger spüre, bin ich nicht ich, also gar nicht, irgendwie. Nicht dass der Hunger mich dünner, sondern dass er mir keine Zeit für anderes lässt, mir das Gefühl, die Kontrolle, mein Leben im Griff zu haben gibt, danach bin ich süchtig. ...

anonym


Ich fühle mich eigentlich auch nicht richtig krank, ich glaube wirklich noch, ich habe das Heft der Entscheidung in der Hand. Würde ich denken, ich sei krank, würde ich wissen, dass meine Psyche krank ist. Wenn das aber krank ist, was mich zu dem macht was ich bin, was mich wahrnehmen, fühlen, wollen und denken lässt - wie soll ich mich dann als krank erkennen, wie soll ich mich selbst an den eigenen Haaren herausziehen können? Abgesehen davon, dass ich alles, einfach alles verlieren würde, wenn ich jetzt, nach all diesen Entbehrungen, erkennen würde, dass ich nie anders konnte als ich mit mir machen ließ...

anonym

Folgen

Somatische und psychosoziale Folgen der Magersucht

Anorexia nervosa ist nach wie vor eine Erkrankung mit hohem Chronifizierungs- und Mortalitätsrisiko.

Die gravierenden somatischen Befunde, die zum Teil auch nach einer Gewichtsnormalisierung nur begrenzt rückbildungsfähig sind, betreffen vor allem das Herz, die Knochen und das Zentralnerven-system:

 

- kardiale Auffälligkeiten, die mit dem erhöhten Risiko für einen   plötzlichen Herztod in Verbindung gebracht werden (Cooke & Chambers 1995)

 

- ausgeprägte Osteoporose, die noch Jahre nach der Erkankung,   Anlass für pathologische Frakturen sein kann (Hotta et. al 1998)

 

- ausgeprägte morphologische ZNS-Veränderungen, die Verän-derungen der grauen Substanz sind im Gegensatz zu den Veränderungen der weißen Substanz mglw. auch nach Gewichts-normalisierung nicht rückbildungsfähig (Herholz, 1996)

 

 

Im psychosozialen Bereich bleiben schwere Störungen oft langfristig bestehen. Beschrieben werden vor allem

 

Depresisionen (7 bis 37% bei Hall et al. 1984, Hsu 1980),

 

Zwangssymptomatik (17 bis 22%),

 

Alkoholismus und Drogenmissbrauch (11%, Crisp und Burns, 1983) sowie

 

akute Schizophrenie 2,5%).

 

Gravierend bleiben die Schwierigkeiten hinsichtlich der sozialen Integration. Indikator hierfür sind auch der niedrige Anteil Verheirateter (40%) und von Patientinnen mit Kindern (40%).


Quelle: Köhle, K., Subic-Wrana, C., Albus, C., & Simons, C. (2003). Anorexia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 687-706). München: Urban & Fischer.


(siehe auch: Sterberisiko Magersucht)

 

Weitere Informationen zu Magersucht und Essstörungen finden Sie auf dem ab-server...

 




Impressum  
ab-server - Beratung und Information
Essstörungen und Adipositas

 

ab-server